Stillen in der Öffentlichkeit - Die Perspektive eines Vaters | Furnart Blog

Stillen in der Öffentlichkeit. Ein Thema von dem ich gar nicht wusste, dass es die Gemüter so sehr berührt. Doch die Meinungen dazu sind gespalten. Unsere Gesellschaft ist so sexualisiert wie nie zuvor aber stillende Mütter werden argwöhnisch beäugt. Wie sieht die rechtliche Lage dazu aus, gibt es einen Konsens und wie stehe ich eigentlich dazu? 

Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt bzw. habe ich nie darüber nachgedacht. Meine Kinder wurden gestillt wenn sie Hunger hatten und der Ort war dann meistens egal. Stillen ist gut und Stillen ist zumindest im ersten Lebensjahr das Beste was es für einen klitzekleinen Erdenbürger gibt. Warum zur Hölle sollte also jemand Anstoß daran nehmen, wenn ein Baby von der Mutter gestillt wird? Liegt es an der Nahrungsaufnahme an sich? Wohl eher nicht. Ich habe noch nie schiefe Blicke geerntet wenn ich mir in der U-Bahn eine Banane oder einen Riegel gegönnt habe.

Babys finden die meisten Menschen super süß. Diese können sicher als Grund für Groll ausgeschlossen werden. Die weibliche Brust ist in fast jeder Vorabendserie wenigstens einmal zu betrachten. Darüber hinaus wird jede dritte Frau in der Werbung sexualisiert dargestellt. So blöd das ist, scheint es ja keine Kritik in der breiten Masse hervorzurufen. Im Gegensatz dazu werden direkte negative Reaktionen wie Kopfschütteln, merkwürdige Blicke oder gar Sprüche häufiger durch stillende Frauen hervor gerufen. Warum ist das so? 

Es muss also an der Kombination an beidem liegen. Untersuchungen ergaben, dass es ein besonders hohes Konfliktpotenzial bei dem Stillen des Babys in einem Café oder einem Restaurant gibt. Eigentlich unlogisch. In einem Restaurant wird doch gegessen und in einem Café getrunken, was ist also schlimm daran wenn die Bedürfnisse der Kleinsten dort gestillt werden? 

Eine direkte Antwort darauf ist nicht zu finden. Jedoch wurden drei wesentliche Motive identifiziert, die für die ablehnende Haltung verantwortlich sind:

  • die ungewollte Intimität,
  • die fehlende Beschränkung auf das private Umfeld,
  • die Erzeugung negativer Gefühle. 

 

Die Sichtbarkeit der nackten Brüste steht jedoch im Zentrum der Ablehnung. Hm. Wieso jetzt? Wenn doch wie oben bereits erwähnt, fast jede dritte Frau in der Werbung unter dem Aspekt der Sexualität dargestellt wird. Der entblösste Oberkörper der Frau stellt da in der Regel ein besonderes Augenmerk dar. Das diese Art, mit stereotypen Werbung zu machen nicht der Hit ist, versteht sich von selbst. Woher kommt also die explizite Ablehnung, wenn von Menschen berichtet wird, die mit abfälligen Blicken und verbalem Unmutsbezeugungen stillende Mütter aus einem Café verbannen möchten? 

Es gibt sicher unterschiedliche Gründe. Für mich ist der Akt des Stillens ein sehr privater und intimer Moment zwischen Mutter und Baby. Das empfinde ich so und deshalb werde ich unsicher und weiß in diesem Moment nicht so recht wohin mit mir. Das Problem liegt also auf meiner Seite, ich bin unsicher, ich bin in dem Moment mit einer Situation konfrontiert, die nicht alltäglich für mich ist. So empfinden sicher die meisten Menschen. Die Lösung liegt jedoch nicht darin die Mütter und ihre Babys in obskure Still-Räume zu verbannen - im besten Fall, im schlechtesten Fall aufs Klo, aus dem Restaurant oder sonstigem hinaus zu komplimentieren.

Mütter die ihre Babys stillen, sollten die normalste Sache auf der Welt sein. 

Wie sieht denn die rechtliche Lage diesbezüglich aus? 

Die Zulässigkeit des Stillens von Kindern in der Öffentlichkeit ist in Deutschland durch öffentlich-rechtliche Vorschriften selbst nicht explizit geregelt, d.h. weder ausdrücklich verboten, noch ausdrücklich erlaubt. Niemand kann also die Polizei rufen und diese darum bitten das Verhalten abzustellen. Es gibt keinen Paragraphen auf der Welt oder zumindest hier in Deutschland, der das öffentliche Stillen verbietet. Wie sieht es jedoch in einem Café oder Restaurant aus? Theoretisch kann der Besitzer das Stillen in seinen Räumlichkeiten verbieten und der stillende Mutter Hausverbot erteilen. Diese kann sich jedoch auf das Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz berufen. Der Gastwirt jedoch auch und dann wird es kompliziert. Das Ganze funktioniert auch nur dann wenn die junge Mutter noch nix bestellt hat und somit noch keinen Vertrag mit dem miesepetrigen Vertreter seiner Zunft eingegangen ist. Wenn das nämlich der Fall ist sieht die Lage wiederum ganz anders aus. Wer es genau wissen will liest das Ganze nach, der Link zum entsprechenden Text-Werk ist unten zu finden. 

Wie kann das Thema ohne schlechte Stimmung zu verursachen angegangen werden?

Wie bei vielen anderen Themen gibt in meinen Augen der gesunde Menschenverstand die Richtlinie vor. Was meine ich damit? Wenn Frau sich in ein von Männern dominiertes Teehaus oder in eine Spielothek setzt und ihr Kind zum trinken an die Brust nimmt, kommt unter Garantie eine Kommentar, es werden merkwürdige Blicke geworfen oder im schlimmsten Fall anzügliche Bemerkungen von den anderen Gästen zum Besten gegeben. Wahrscheinlich wird die eine oder andere sagen, ja aber... sicher habe ich ein bisschen übertrieben. Aber dennoch. Meine Partnerin hat es so gehandhabt, wenn das Terrain unbekannt und vermint scheint, einfach ein bisschen diskreter vorgehen. Mit den entsprechenden Still-Shirts in einer ruhigen Ecke den Hunger des kleinen Nimmersatt stillen. War es jedoch das Lieblingscafe, wo die Bedienung nett und andere Mütter keinen Seltenheitswert besaßen - dann wurde die Brust rausgeholt und losgelegt.

Das Vorgehen soll jetzt bitte nicht als opportunistisch ausgelegt werden, ich glaube nur es ist für das Baby nicht schön wenn es in einer angespannten Situation gestillt wird. Gerade wenn es so klein ist, ist es wichtig das es entspannt und gemütlich zugeht. Jede Frau sollte jedoch die Chance haben überall stillen. Es ist doch letztlich so wie mit neuen Automodellen. Diese haben die beste Akzeptanz, die beste Werbung wenn sie in der Öffentlichkeit bewegt und gezeigt werden. Okay schräger vergleich aber wenn der Anblick stillender Mütter keine Seltenheit mehr darstellt, dann wird die Akzeptanz steigen.

In anderen Ländern...

In anderen Ländern wurden Initiativen und Programme entwickelt um die Akzeptanz zu erhöhen. Beispielsweise Australien, dort konnten verschiedene Einrichtungen wie Cafés, Friseurläden oder Bibliotheken einen Aufkleber mit der Aufschrift „Breastfeeding Welcome Here“ erhalten, um öffentlich anzuzeigen, dass sie das Stillen in ihren Räumlichkeiten begrüßen. In anderen Ländern, wie Großbritannien, Irland, Kanada und den USA gab es ähnliche Kampagnen und Initiativen. In den USA gibt es seit 1999, den „Right to Breastfeed Act“ – das Recht, sein Kind an jedem Ort zu stillen, an dem sich beide aufhalten dürfen. 

Um die Akzeptanz noch weiter zu erhöhen wurde in den sozialen Netzwerken der Hashtag „#brelfie“ (Wortspiel aus „Breastfeeding“ und „Selfie“) geboren. Junge Mütter posten unter dem Hashtag Fotos die sie bei dem Stillen in der Öffentlichkeit zeigen.  

 Zum Schluss mein ganz eigenes, männliches Feedback.

Wenn ich meine Kinder hätte stillen können, dann hätte ich das genauso gemacht, dass ich mich dabei wohlfühle. Ich bin eher der lazy Typ. Wenn die Situation für mich gut ist, dann würde ich davon ausgehen, dass sie für mein Kind auch gut ist. Sicher ist, dass das Thema Stillen thematisiert gehört und wie in den oben genannten Beispielen aus anderen Ländern in die Mitte der Gesellschaft getragen werden muss. Aus den Laborbedingungen des Prenzlauer Bergs hinein in die Gaststuben der Bundesrepublik. 

Im Übrigen gab es im Februar 2019 in Gera eine sehr gute Aktion zu diesem Thema. Ein Flashmob von 50 Frauen setzten in den Gera Arkaden ein Zeichen für öffentliches Stillen. Alle Mütter zogen blank um die kleinen Wonneproppen öffentlich zu beköstigen. 

In diesem Sinne Brust frei! 

 

Zulässigkeit des Stillens in Cafés und Gaststätten | Wissenschaftliche Dienste des Bundestages



 

 

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