Kindererziehung in Frankreich - was wir lernen können | Furnart Blog

Ich dachte es wären urbane Märchen, bis ich letztens in einem Restaurant eine französische Familie sah. Entspannte Gesichter bei den Eltern, Kinder die ruhig der Dinge harrten. Es musste also doch etwas dran sein wenn alle sagen französische Kinder seinen besser erzogen. Ist das so - machen unsere Nachbarn aus Frankreich etwas anders? Das interessierte mich und so begann ich mich mit dem Thema zu beschäftigen. 

Zunächst versuchte ich mich an meine zahlreichen Frankreichbesuche zu erinnern. Ja es stimmt, mir sind in der Tat nie Kinder - zumindest im Beisein ihrer Eltern - aufgefallen, die in im öffentlichen Raum aus dem Rahmen fallen bzw. im Restaurant das Leben der Mitmenschen durch anstrengendes Herumlaufen oder lautes Dasein einschränken. Im Gegenteil, die französischen Familien waren in meiner Erinnerung in der Regel Bilderbuchfamilien mit drei Kindern und blendend aussehenden Eltern. Gestresste oder genervte Gesichter kommen in der Retrospektive nicht vor. Ganz anders deutsche Familien, Mütter die angestrengt nach ihren Kindern rufen oder Kinder die unter Tischen hervorgezogen werden müssen. Machen gute Manieren an der Landesgrenze zu Frankreich halt oder scheinen es französische Eltern einfach drauf zu haben?

Natürlich stolpere ich bei der Beantwortung der Frage über das Buch von Pamela Druckerman. In ihrem Buch "Was französische Eltern besser machen: 100 Erziehungstipps aus Paris" nimmt sie auf leichte Art und Weise die Punkte auf, die in unseren Gefilden oftmals zu Kopfzerbrechen führen. 

Folgende Punkte wurden von ihr als relevant erachtet:

  • Während der Schwangerschaft
  • Das Baby an sich
  • Schlafen
  • Essen
  • Lernen
  • Geduld
  • Grenzen setzen

Ich will dem Buch nichts vorwegnehmen, wie gesagt sie schafft es auf eine leichte Art durch das Thema Kindererziehung zu gehen und die Punkte aufzugreifen, die im Familienleben relevant sind. Um gleich zu den positiven Aspekten der Darstellung der französischen Erziehung zu kommen - ich möchte anmerken, dass sich das gezeichnete Bild auf die gehobene Mittelschicht in Frankreich bezieht. Ein Querschnitt durch die Gesellschaft wird nicht gezogen. Es kann der Eindruck entstehen, dass in Frankreich Frauen ausschließlich mit Shoppen und Champagner trinken beschäftigt sind. Sie gehen bereits 3 Wochen nach der Geburt wieder arbeiten und das ausschließlich in tolle Jobs.

Zunächst jedoch zu den positiven Dingen, die ich aus dem Buch mitgenommen habe. Es ging mir wie bei so vielen guten  Ratschlägen in der Welt, man schlägt sich vor den Kopf und sagt „da hätte ich auch von selbst drauf kommen können“.

Folgende Themen-Hitliste habe ich für mich aufgestellt

Das Setzen von Grenzen

In der Kindererziehung ist das Setzen von Grenzen enorm wichtig. Gerade bei meinem mittleren Sohn ist an dieser Stelle im Nachhinein betrachtet etliches nicht ganz optimal abgelaufen. Ich habe es immer als wesentlich erachtet ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm zu haben. Im Grunde genommen ist das ja gut, jedoch brauchen Kinder jemanden der sagt wo es langgeht und was Gehauen und Gestochen ist. Wenn Rahmen gesetzt sind und bestimmte Dingen als elementar und nicht diskussionswürdig erachtet werden, erleichtert das in vielen Ebenen das Zusammenleben.

Dafür ein Beispiel aus dem Alltag.  

Ich war heute in meinem liebsten Bioladen. Da bin ich immer ganz gern, da kann ich in Ruhe einkaufen, einen Kaffee oder Tee trinken und ein bisschen schwatzen. Die Kinder spielen währenddessen in einer Spielecke oder können schaukeln. Also echt super. Neben all diesen Dingen könenn auch neue Erkenntnisse gewonnen werden, denn nun zu meinem Beispiel. Die meisten der dort einkaufenden Eltern inklusive mir haben es schwer die Kinder loszueisen und wieder mit nach Hause zu bekommen. Warum ist das so? Ganz einfach, die Kinder haben nicht gelernt auf die Eltern zu hören und sehen es eher als Beginn einer Diskussion wenn das Elternteil los möchte. Warum? Die Sätze fangen in der Regel so an – mit einer Frage: „Du, wollen wir jetzt los?“ Ehm, was soll das Kind damit anfangen? Es will ja noch spielen… und schon stecken die meisten in einem Austausch von Standpunkten fest. Problem: es können jetzt die verschiedenen Sichtweisen diskutiert werden, das bringt jedoch nichts, da ein Kind im Moment lebt und nicht verstehen kann, dass noch das Abendessen vorbereitet, die Wäsche gewaschen und vieles mehr erledigt werden muss. Das Elternteil ist genervt, dass Kind auch und schon kippt die Situation. Das Kind fängt im dümmsten Fall an zu weinen und die geneigten Eltern fangen an, Kompromisslösungen anzubieten damit das Kind nicht weiter heult.

Es wäre doch für alle entspannter, wenn der Spross nicht gefragt wird ob es los möchte. Die Ansprache sollte eher lauten „wir gehen jetzt los“. Das Kind weiß dann es geht jetzt nach Hause. Eine Diskussion ist nicht notwendig. Der gesteckte Rahmen sollte also lauten: wenn Mama oder Papa etwas sagen, dann ist das in dem Moment auch genau so. Ein nicht Hören wäre respektlos den Eltern gegenüber. Ja aber wie geht man mit der Situation um wenn das Kind nicht hört. In meinen Augen sollte nicht anfangen werden zu schimpfen und dem Kind gegenüber respektlos zu sein. Von dem was man möchte nicht zurückweichen und dem kleinen Menschen klar machen, wir machen jetzt das was ich möchte. Je eher bei den Kids damit angefangen wird, desto besser funktioniert das auch. Bei einem fünfjährigen Kind wird es zu arger Verwirrung führen wenn bis dato immer diskutiert und unkommentiert gewartet wurde bis das Kind sich gemüssigt fühlt zu kommen.  

Ein weiterer interessanter Punkt

Ein weiterer interessanter Punkt aus dem Buch – Kids sollen warten können. Diesen Punkt fand ich ebenfalls sehr bedenkenswert. Die Situation kennen sicher alle Eltern: die Familie sitzt zu Tisch und eigentlich kommt kein Gespräch zustande weil der kleine süße Nervbold die ganze Zeit dazwischen quasselt ohne sich einen Hauch darum zu kümmern ob gerade die älteren Geschwisterkinder etwas erzählen oder die Eltern sich über den Tag austauschen wollen. Eigentlich muss das nicht sein. Einem Kind das bereits in der Lage ist am Tisch zu sitzen, kann zu verstehen gegeben werden „Du wartest einen Augenblick“ – jetzt redet ein anderer. Die deutschen Helikopter-Eltern würden ihrem Kind aus Angst vor Enttäuschung das nicht zu muten wollen. Dabei ist es ganz normal, dass Menschen im Leben andere ausreden lassen und nicht dazwischen quatschen. Warum soll man dieses Verhalten nicht auch kleinen Kindern beibringen? Wenn den kleinen Kids sofort und uneingeschränkt Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, werden sie sich später nicht damit arrangieren können nicht im Mittelpunkt zu stehen.

Die zwei Beispiele hören sich sicher sehr rigoros und autoritär an. Ich bin jedoch der Meinung, dass der Ton die Musik macht. Es ist unangebracht, Kinder bei dem "nicht hören wollen" zu beschimpfen und runter zu putzen. Auch wenn es sicher manchmal schwerfällt. Ruhig und bestimmt sein ist die Devise. Niemals respektlos gegenüber den kleinen Menschen. 

Und die andere Seite der Medaille?

Nun scheint es also dass "der Franzose" solche Dinge besonders gut im Griff hat und die französischen Nachbarn in Sachen Erziehung wahre Alleskönner sind.

Hmm, laut dem oben genannten Buch ist das wohl so. Jedoch gibt es auch einen anderen Blick auf die französische Gesellschaft und deren Umgang mit dem Nachwuchs. 

Was mir zuerst aufgefallen ist: Väter spielen in den Erzählungen von französischen Familien scheinbar keine Rollen. Alles was mit den anstrengende Dingen der Kindererziehung zu tun hat, bleibt in der Verantwortung der Mutter. Französische Mütter managen alles. Väter, die in Elternzeit gehen gibt es quasi nicht. Da jedoch der gesellschaftliche Konsens verlangt, dass Frauen auch bereits früh wieder mit beiden Beinen im Job stehen und nicht ewig zu Hause bleiben, müssen die kleinen Babys in der Regel mit 8 Wochen bereits in die Krippe und das nicht selten für mehr als 7 Stunden. Die Auswirkungen sind natürlich mannigfaltig. Eine Auswirkung jedenfalls ist auch, dass sich Kinder bereits früh von ihren Erzeugern emotional abnabeln und umgekehrt. Die Auswirkungen der frühen Trennung von Eltern und Kinder und den daraus resultierenden Bindungsstörungen und späteren möglichen Verhaltensstörungen wird den Franzosen erst so allmählich bewusst.  

Ein weiterer, in meinen Augen krasser Punkt in Frankreich wird noch ganz ordentlich mit den Händen argumentiert. Über 80 Prozent der französischen Eltern benutzen die Ohrfeige oder Schläge auf den Popo regelmäßig um ihre Sprösslingen in die vermeintlichen Schranken zu weisen. In meinen Augen ein absolutes „No go“. Wer schlägt hat keine anderen Argumente mehr. Das ist im Bezug auf Kinder nicht anders.

Und so gibt es noch diverse weitere Punkte die das Bild, welches in dem eingangs erwähnten Buch gezeichnet wird, stark relativieren. Ich bin total dabei, dass Kinder Grenzen in ihrer Entwicklung benötigen um sich daran zu reiben und lernen ihr Verhalten einzuordnen. Eltern müssen Vorbilder sein! Damit meine ich emotionale, authentische Menschen die respektvoll miteinander umgehen. Sicher ist die Gradwanderung zwischen einem Helikopter-Dasein und dem Fernhalten von Dingen die die Entwicklung negativ beeinflussen könnten nicht ganz einfach.

Aber im Zweifel den gesunden Menschenverstand einschalten – dann wird’s schon... auch ohne Erziehungstipps aus Büchern.

 

 

Bitte geben Sie die Zeichenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.